Jona

Jona war ein Prophet des Herrn (2.Kön.14,25). Er kannte den Gott Israels, denn er sagte: „Ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen“ (Jona 4,2).

Jona betete und rief den Namen des Herrn an, als er in großer Gefahr war. Und er erlebte, dass Gott sein Gebet erhörte und ihn aus der Tiefe des Meeres errettete – sogar auf eine spektakuläre, übernatürliche Weise. Deshalb bekannte er: „Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott“ (Jona 2,7).

Doch dann, als es darum ging, 120 000 Menschen vor dem Untergang zu bewahren, versagte Jona jämmerlich. Er hatte Gottes Barmherzigkeit und Hilfe erfahren, war aus der Tiefe des Meeres gerettet worden – obwohl er das Unheil, das ihm widerfahren war, selbst verschuldet hatte. Nun wollte er Zehntausenden verwehren, was ihm selbst frei und umsonst geschenkt worden war. Mehr noch: Als er sah, dass Gott die Stadt Ninive nicht richten, sondern verschonen wollte, wurde er zornig. Er war sogar so ärgerlich, dass er nicht mehr leben wollte!

Wir mögen über Jonas Verhalten den Kopf schütteln, aber dabei vergessen wir, dass wir dieselbe Natur besitzen!

Auch Jakobus und Johannes, zwei Jünger Jesu, dachten wie Jona! Auch sie wollten über einer Stadt das Feuer göttlichen Gerichts ausgeschüttet sehen, weil man sie nicht aufgenommen, nicht willkommen geheißen hatte (Lk.9,54).

Und Petrus war erst bereit, in das Haus eines römischen Hauptmanns zu gehen, um ihm und den Seinen das Evangelium der Gnade zu verkündigen, nachdem er von Gott eine übernatürliche Vision empfangen hatte. Erst durch diese Erfahrung erkannte er, dass Gott zwischen Juden und Heiden keinen Unterschied mehr machte, weil das Blut Jesu zur Erlösung für alle Menschen vergossen worden war. Danach machten ihm andere Gläubige Vorwürfe, weil er in das Haus von Menschen gegangen war, die keine Juden waren (Apg.10,34; 11,2-3).

Warum ärgerten sich die Pharisäer, wenn Jesus mit „Zöllnern und Sündern“ aß? Weil sie sich besser wähnten!

Was aber antwortete er ihnen der Herr? Er sagte: „Geht hin und lernt was das heißt: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer“ (Mt.9,10-13).

Jesus war traurig, als er sah, dass Menschen, die in die Synagoge gekommen waren, um Gott anzubeten, einem Mann die Heilung seiner verkrüppelten Hand verwehren wollten, weil es Sabbat war (Mk.3,1-6).

In seiner Bergpredigt hatte er gesagte: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk.6,36). Doch wer von uns kann dieser Aufforderung gerecht werden! Keiner! Und warum? Weil wir selbst nicht die Wesensart Gottes und Christi besitzen! Wie Jona fordern wir Vergeltung und Bestrafung für die, die Unrecht getan haben! Dann aber, wenn unser Gott einem Menschen seine Barmherzigkeit erweist, die er nach unserer Einschätzung nicht verdient hat, reagieren wir, wie der ältere Sohn im Gleichnis, das Jesus erzählte. So wie Jona, wurde auch er zornig, als er sah, mit welcher Liebe, Güte und Langmut der Vater seinem verlorenen Sohn begegnete (Lk.15,28).

Jona hatte sich eine Hütte gebaut. Von hier aus wollte er beobachten, was in Ninive geschah. Wir dürfen annehmen, dass er immer noch erwartete, Gottes Gericht über die Stadt und ihre Bevölkerung zu sehen! Daher können wir sagen, dass Jona in der „Hütte seiner eigenen Unbarmherzigkeit“ saß – schmollend und übellaunig!

Als Gott sah, dass Jona in Unbarmherzigkeit verharrte, wollte er ihm eine Lektion erteilen! Er ließ eine Staude aufwachsen, die dem Propheten Schatten spendete. Darüber war Jona sehr glücklich! Er freute sich nicht, dass 120 000 Menschen am Leben blieben – er freute sich über eine Staude, die ihm Kühlung brachte.

Jona sollte ein Lehrer der Wahrheit sein – ein Träger göttlicher Barmherzigkeit! Nun saß er selbst auf der Schulbank, um das Einmaleins der himmlischen Gnade zu erlernen!

Wir sind nicht ärgerlich, wenn ein Mensch Christus findet, seine Barmherzigkeit und Gnade erfährt und gerettet wird! Doch im Miteinander des Gemeindelebens müssen wir lernen, was uns von Natur aus schwer fällt: Wir lernen, einander höher zu achten als uns selbst (Phil.2,3). Wir lernen, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat (Röm.15,7). Wir lernen, einander zu vergeben, wie uns Christus vergeben hat (Ephl.4,32; Kol.3,13). Wir lernen, einander zu lieben, wie Christus uns geliebt hat (Eph.5,2; Jh.15,12). Wir lernen, was Gnade bedeutet!

Gnade ist Gottes Geschenk an uns! Sie wird uns nicht zuteil, weil wir sie verdient haben! Deshalb sagt die Schrift: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Eph.2,8-9).

Wir alle, die wir an Jesus Christus gläubig geworden sind, befinden uns heute in der Schule Gottes! Wir sind die Lernenden! Er ist unser Lehrmeister! Und so wird es bleiben, bis unser Herr wiederkommen wird!

Was aber können wir tun, wenn wir mit der Führung unseres Gottes nicht einverstanden sind und ihm, wie Jona, den Rücken kehren? Was tun, wenn wir spüren, dass wir von Vorlieben oder Abneigungen beherrscht werden? Wie reagieren, wenn unsere Seele unzufrieden ist und uns alles und jeder stört?

Würden wir versuchen, bessere Menschen zu werden und unserem Gott hingegebener zu dienen, so würden auch unsere besten Vorsätze nicht ausreichen, um Gottes Willen zu tun. Die gute Nachricht lautet: Unser himmlischer Vater fordert uns nicht auf, „den alten Rock zu flicken“; er lädt uns ein, „das beste Gewand anzuziehen“ (Lk.15,22).

„Nicht durch Heer oder Kraft“ wird Gottes Vorsatz in unserem Leben erfüllt, „sondern durch seinen Geist“ (Sach.4,6). Indem er uns seinen Geist gibt, gibt Gott uns ein neues, ein fleischernes Herz, das einsichtig und bereit ist, umzukehren! So macht er uns zu Menschen, „die in seinen Geboten wandeln, seine Rechte halten und danach tun“ (Hes.36,26-27).

Wir versuchen also nicht, aus eigener Kraft Menschen zu lieben. Wir ziehen die Liebe Christi an (Kol.3,14). Und wenn es uns an der Barmherzigkeit Gottes mangelt, dann ruft uns unser himmlischer Vater zu: „So zieht nun an, als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen …“ (Kol.3,12).

Immer ist Christus das, was wir gerade brauchen! Immer will er uns das sein, was wir nicht sind, uns geben, was wir nicht besitzen! Immer will er unseren Mangel ausfüllen – mit seiner Herrlichkeit (Phil.4,19).

Keiner von uns muss also unter der Herrschaft seiner gefallenen Natur leiden! Wir können den „alten Menschen ablegen“ – unsere Unbarmherzigkeit, unseren Mangel an Mitgefühl, unsere Ichbezogenheit und unseren Eigensinn. Gleichzeitig können wir den „neuen Menschen anziehen“ – die Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld Christi (Eph.4,22-24; Kol.3,12).

Wie aber kann ich Christus anziehen? Indem ich mir Zeit nehme, IHN anzuschauen, SEINE Herrlichkeit zu betrachten! Das kann ich überall und allezeit! Ich kann, egal, was ich gerade tue, eine Pause einlegen, um mich der Liebe Jesu zu vergewissern! Ich mache eine „Liebespause“ und erfahre, was im Hohelied der Liebe gesagt wird: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes! … Die Liebe ist sein Zeichen über mir! … Seine Linke liegt unter meinem Haupte, seine Rechte herzt mich“ (Kap. 1,2; 2,4-5).

Wie wenig Mühe bereitete es Gott, einen Sturmwind auf dem Meer zu entfachen und ihn wieder zum Verstummen zu bringen? Ebenso kann er einen großen Fisch herbeizurufen, der seinem Willen gehorcht? Auch eine Staude und ein kleiner Wurm sind ihm untertan! Ebenso der Ostwind, wenn er ihn ruft (Jona 1,4+15; 2,1+11; 4,6-8).

Doch wie viel Mühe bereitet es unserem Herr und Retter, bis wir mit IHM im Einklang sind und SEINE Herrlichkeit widerspiegeln (2.Kor.3,18; Gal.4,19)?

Denken wir an Apollos, einen Diener Jesu Christi, brennend im Geist und in der Gemeinde in Korinth wohl bekannt. Doch dort war etwas geschehen, das nicht zu Ehren Christi war und die Gemeinde spaltete: Es waren Gruppierungen entstanden! Einige hielten es mit Petrus, andere mit Paulus und wieder andere favorisierten den Dienst des Apollos. Deshalb schrieb Paulus: „Wer ist nun Apollos, wer ist Paulus? Diener sind sie, durch , durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie der Herr einem jeden gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1.Kor.1,12; 3,5-6).

Zu „pflanzen“ oder zu „begießen“ ist kein übernatürliches Werk! Das aber, was unser Gott im Verborgenen tut, ist großartig, gewaltig und lobenswert!

Was aber, wenn unser Dienst Uneinigkeit bewirkt, wenn dadurch unter den Gläubigen Gruppierungen entstehen? Was, wenn wir dann nicht alles tun, um diese ungute Entwicklung zu stoppen?

Paulus wollte, dass Apollos umgehend nach Korinth reist, um einer Spaltung in der Gemeinde entgegenzuwirken! Doch Apollos sah darin nicht die gleiche Dringlichkeit! Deshalb schrieb Paulus: „Von Apollos, dem Bruder, aber sollt ihr wissen, dass ich ihn oft ermahnt habe, mit den Brüdern zu euch zu kommen; aber es war durchaus nicht sein Wille, jetzt zu kommen; er wird aber kommen, wenn es ihm gelegen sein wird“ (1.Kor.16,12).

In den Augen Jonas waren die Einwohner von Ninive Feinde Israels, deren Untergang er sich wünschte. Gott aber sah, als er Ninive anschaute, 120 000 Menschen, die ihn nicht kanten, die, wie er sagte, „nicht wussten, was rechts oder links ist“. Doch während unser Gott voller Erbarmen ist und nicht will, dass Menschen verloren gehen, sondern zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1.Tim.2,4), hielt Jona stur und uneinsichtig an seinem Feindbild fest – zu seinem eigenen Schaden!

Ganz anders verhielt sich Hananias, ein Mann, der in Damaskus lebte und in Jesus Christus seinen Herrn und Erretter erkannt hatte. Es wird uns nicht berichtet, welcher Arbeit er gerade nachging, doch als der Herr seinen Namen rief: „Hananias!“ antwortete er sofort: „Hier bin ich, Herr!“

Was der Herr dem Hananias auftrug zu tun, musste diesem den Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben. Er sollte zu Saulus von Tarsus gehen, diesem Fanatiker, diesem Christenhasser, dem ärgsten Verfolger der Gemeinde? Dieser Auftrag schien lebensgefährlich zu sein!

Doch dann, nachdem ihm Jesus berichtet hatte, was auf dem Weg nach Damaskus geschehen war und dass dieser Mann für ihn ein auserwähltes Werkzeug (Gefäß) ist und er seinen Namen „vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel tragen wird“, hatte Hananias keine Einwände mehr.

Er machte sich sofort auf, um dem Mann gegenüberzutreten, von dem er zuvor nur Gräueltaten gehört hatte. Die Bibel berichtet: „Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest“ (Apg.9,10-17).

Hananias lebte Christus – nicht sich selbst! Die Bibel betont, das er ein „Jünger“ war, einer, der Jesus nachfolgte und mit ihm in engster Gemeinschaft lebte. Das erkennen wir auch daran, dass der Gerufene sofort geistlich hellwach war und die Stimme seines Herrn hörte.

Und eben das ist es, was Jünger Jesu auszeichnet: Sie sind Menschen in Christus (Eph.2,13; 2,Kor.5,17; Jh.10,27), Menschen, in denen Christus lebt (Gal.2,20).

Deshalb konnte Hananias einem ehemaligen Feind die volle Vergebung und ungeteilte Liebe Jesu darreichen und ihn als Bruder in dem Herrn annehmen.

Wie ist es zu verstehen, dass sich Jona nicht freuen konnte, als die Bewohner Ninives seinen Worten nicht nur Gehör, sondern Glauben schenkten und in Sack und Asche Buße taten – wobei der König die Führung übernahm?

Jona selbst war, obwohl ein Fremder und Überbringer einer todbringenden Nachricht, völlig unbeschadet geblieben. Ihm war kein Leid geschehen!

Wie anders erging es Jesus, dem Sohn des Höchsten. Als er seinen Dienst begann, sprach er nicht zu einem fremden Volk – er war zu den Seinen gesandt worden (Jh.1,11). Ihnen verkündigte er nicht das Gericht! Er brachte „gute Botschaft“ und rief „das Gnadenjahr des Herrn“ aus (Jes.61,1; Lk.4,19).

Doch obwohl er nur Gutes tat, wurde er abgelehnt, angefeindet, verraten, bespuckt, geschlagen und schließlich mit zwei Mördern gekreuzigt! Und während er das alles ertrug und erduldete, sagt die Schrift, sah er auf die „vor ihm liegende Freude“ (Hebr.12,2 Elbf.). Er sah dich und mich! Er sah uns erlöst, freigekauft, neu geboren, gereinigt, geheiligt, verherrlicht und zu Kindern Gottes gemacht.

Man könnte in Jona einen „Briefträger“ sehen, der seine Post nicht austragen wollte! Warum? Weil sein Herz nicht im Gleichklang mit dem seines Senders schlug! Wie anders Jesus, unser Herr. Er konnte sagen: „Ich und der Vater sind eins … Ich tue allezeit, was ihm gefällt“ (Jh.10,30; 8,29).

Jona war ungehorsam und kam dadurch in große Schwierigkeiten! Nicht nur, dass er auf seiner Flucht vor dem Angesicht Gottes „Fährgeld“ zahlen musste, er geriet in einen schweren Sturm, der erfahrene Seeleute erschaudern ließ. Schließlich, nachdem man ihn über Bord geworfen hatte, landete er, wie er bezeugte, in der „Tiefe des Meeres“. Und dann im Bauch eines Fisches, wo er drei Tage und drei Nächte verbrachte!

Christus jedoch war gehorsam – „gehorsam bis zum Tod am Kreuz“ (Phil.2,8).

Sein Gehorsam brachte ihn in den „Schoß der Erde“, wo er ebenfalls drei Tag und drei Nächte blieb, bis Gott die Fesseln des Todes auflöste und Jesus siegreich auferstand – zu unserer Errettung!

Dieses Zeichen aber, das Zeichen seiner Auferstehung, hat Gott vor allen Augen aufgerichtet. Niemand kann es übersehen!

Wahrhaftig: Hier ist mehr als Jona (Mt.12,38-40).

Wenn du mal wieder unter dem „Rizinusstrauch“ sitzt, schmollend, unzufrieden und auf bessere Zeiten wartend, dann kannst du in einem Augenblick deinen Standort wechseln. Du kannst unter dem Schirm des Höchsten, dem Schatten des Allmächtigen, Platz nehmen (Ps.91,1) und zu ihm sprechen: Herr Jesus, du Erretter meiner Seele, du bist mein Leben. Danke, das du mich auch jetzt liebst und immer lieben wirst (Röm.8,38-39). Ich lege ab, was mich beschwert (Hebr.12,1). Ich ziehe dich an! Du bist mein Gehorsam! Du bist mein Friede! Du bist meine Menschenliebe, mein Mitgefühl und mein herzliches Erbarmen! Schaffe in mir, was dir gefällt (Hebr.13,21).

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